300 Jahre nach dem Dorfbrand 1716 soll der Katastrophe gedacht und die Entwicklung gewürdigt werden


Der 27. Juli 1716 ist als schwärzester Tag in die Geschichte Ober-Mörlens eingegangen. Während an jenem heißen Sommertag vor 300 Jahren ein Großteil der bäuerlichen Bevölkerung auf den Feldern arbeitete, brach im Ortskern ein Brand aus. Er verwüstete das komplette Dorf und kostete Menschenleben. Vorübergehend kamen die Bürger in der Umgebung unter. Dann bauten sie mit großer Schaffenskraft ihr Dorf wieder auf - und legten den Grundstein für ein pulsierendes Gemeinschaftsleben.

Zum Gedenken an die Brandkatastrophe und in Würdigung der folgenden 300 Jahre Dorfgeschichte und -entwicklung soll es in diesem Sommer außergewöhnliche Veranstaltungen in Ober-Mörlen geben. Aus der Mitte der Bürgerschaft fand sich vor Monaten eine Initiativgruppe unter dem Arbeitstitel "Wir für Unser Dorf - 300 Jahre nach dem Brand von 1716" zusammen. Seither wird an der Sammlung von Ideen und an deren Umsetzung gearbeitet. Auf der Liste ganz oben stehen ein Gedenkabend am Jahrestag (Mittwoch, 27. Juli) und ein Wochenende der Offenen Höfe im alten Ortskern am 27./28. August.

Was zunächst im kleinen Kreis um die Initiatoren Thomas Bundschuh und Dr. Vera Rupp Form annahm, hat mittlerweile zahlreiche Befürworter und Mitstreiter auf den Plan gerufen. Konkrete Formen nimmt derzeit der Gedenkabend am 27. Juli an. Vorgesehen sind ein Treffen am einstigen Brandherd am "Mühleck" (Ecke Sand-/Mühlgasse) mit anschließendem Fußweg zur katholischen Kirche, Glockengeläut, ökumenischer Andacht und Rückblick auf das Geschehen vor 300 Jahren.

Für das Wochenende 27./28. August ist ein so genannter "Stehender Umzug" in den Höfen des historischen Ortskerns geplant. Viele Themen der vergangenen 300 Jahre und des aktuellen Dorflebens ließen sich bei einem solchen Bürgerfest gut darstellen, betont die Initiative. Beispiele seien Landtechnik gestern und heute, alte Gewerke, Handarbeiten, Postwesen, Schulwesen, Sport, Musik oder Fastnachtsbrauchtum. Das Gemeinschaftsgefühl im Dorf könnte von einem derartigen Bürgerfest nachhaltig profitieren, ist man überzeugt.

Konkrete Ideen brachten unter anderem die Ortslandfrauen ein, die mit Volkstanz, historischen hauswirtschaftlichen Gerätschaften und frischem Blechkuchen einen Hof im Dorfkern beleben wollen. An anderer Stelle sollen Huf- und Messerschmied ihre Künste zeigen oder sogar zum Ausprobieren einladen. Landwirtschaft gestern und heute wird thematisiert, Holzarbeiten wie das Drechseln und Schnitzen, ein Klassenzimmer von einst könnten ins alte Schulhaus projiziert werden, und vielleicht kann es ein Sonderpostamt geben.

Geträumt wird überdies von einer historischen Feuerwehrübung, beispielsweise in Form einer Eimerkette von der Usa bis zum einstigen Brandherd. Immerhin war damals für jeden Haushalt ein Ledereimer Pflicht. Historische Tafeln sollen für einzelne Häuser ausgearbeitet, ein "Rundkurs" durch die Straßen und Gassen ausgeschildert und musikalische Beiträge für Höfe und Plätze zusammengestellt werden. Natürlich soll auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen. Das i-Tüpfelchen könnte am Samstagabend ein Nachtwächterrundgang sein.

Das Ganze steht und fällt natürlich mit der Beteiligung im Dorf, da sind sich alle einig und setzen auf die Begeisterungsfähigkeit der Bevölkerung. "Je mehr Menschen sich in die gemeinsame Sache einbringen, desto besser kann sie gelingen", ist die Devise. Für eine finanzielle Unterstützung stimmte unlängst das Gemeindeparlament.

Viele Bürger öffnen ihre Höfe für "Stehenden Umzug" im historischen Ortskern

"Ober-Mörlen hat viel Interessantes zu bieten, nicht nur das Schloss", führte Dr. Vera Rupp gut 30 Bürgern vor Augen, die sich am Donnerstag im Rittersaal des historischen Gebäudes versammelt hatten. Alle bekundeten ihr Interesse, sich im Sommer am Wochenende der offenen Höfe und Plätze im alten Ortskern zu beteiligen, mit dem am 27./28. August der Wiederaufbau des Dorfes nach dem verheerenden Dorfbrand vor 300 Jahren gewürdigt werden soll.

Die Idee hinter dem so genannten "Stehenden Umzug" auf den Straßen, Gassen und Plätzen des alten Dorfkerns und die bislang katalogisierten Aktionen stellte die Initiativgruppe "WIR für unser Dorf" vor. "Der Umzug steht und die Leute laufen", erläuterten Rupp und ihre zehn Weggefährten von der Initiativgruppe die Vorzüge, dass nämlich nicht binnen einer Stunde alle sorgfältig vorbereiteten Attraktionen verpufft seien. "So können sie ein ganzes Wochenende ihre Wirkung entfalten."

Erste konkrete Pläne sehen vor, dass der Ortsbauernverband einen historisch landwirtschaftlichen Schwerpunkt nebst Streichelzoo in fünf Höfen in der Neugasse einrichten wird. Ebenfalls in der Neugasse werden Holzverarbeitung und Edelsteinschleiferei zu erleben sein. Auf dem Parkplatz an der Ecke Neu-/Schustergasse wollen die Freunde Alter Landmaschinen einen historischen Dreschplatz einrichten, die Mörler Traktorfreunde sorgen für Äppelwoi und Handkäs mit Musik. In der Schustergasse geben sich die Landfrauen, Usatalmusikanten und eine private Handarbeitsausstellung ein illustres Stelldichein. Etliche Anwohner der Frankfurter und der Usinger Straße bringen sich mit offenen Höfen, alten Gewerken, Ausstellungen, Speis und Trank ein.

Weitere Aktionen vom Basteln mit Kindern und historischen Kinderspielen über Imkerei, Nistkastenbau, Zimmerei oder Schmiedekunst bis zu Einblicken ins Schul- oder Postwesen sind bereits geplant in der Belsgasse, der Borngasse, Hintergasse, Sand-, Pfarr- und Mühlgasse. Mit einbezogen werden nach Möglichkeit auch der Bonifatiussaal und das Schloss. Fast alle Teilnehmer der etwas anderen Bürgerversammlung meldeten sich zu Wort, brachten neue Ideen ein und oder boten an, ihren Hof an dem Festwochenende zu öffnen - einfach nur so zum Reinschauen, zum Verweilen oder auch für Vereinsaktivitäten, die noch eine Bleibe suchen.

"Eine gemeinsame Feier am Samstagabend wäre schön", schlug ein junger Neubürger vor, und schon sahen sich die Anwesenden in lauer Sommernacht bei Fackelschein, alten Instrumenten und Wein beisammen sitzen und den Nachtwächter nahen. Andere erzählten von der eigenen historischen Fotosammlung oder interessierten sich für eine Mitarbeit an Bildertafeln, die am Festwochenende an diversen Hofreiten deren Historie erläutern sollen.

Dass bis dahin noch viel zu tun ist, dürfte allen klar sein, die sich in die gemeinsame Sache einbringen möchten. Die Initiativgruppe sammelt, sortiert, organsiert, stöpselt zusammen und freut sich über weitere Vorschläge, gerne auch in Richtung aktuellem Handwerk und Gewerbe im Dorf, sollen doch neben der Historie auch moderne Entwicklungen aufgegriffen werden. "Wir finden die Idee toll", lobten Bürger die Initiative ganz im Sinn des Mottos "WIR für unser Dorf" und sagten zu, die Aufbruchstimmung weiterzutragen zu Nachbarn und Freunden.

Eigentlich jährten sich heuer sogar drei Brände, hatte Vera Rupp eingangs erläutert. Vor 125 Jahren brach hinter dem Gasthaus "Goldener Hirsch" ein Scheunenbrand aus und äscherte auch mehrere Nachbargebäude ein. Dazu wird es eine Sonderschau vor Ort geben. An den Schlossbrand vor 50 Jahren - es war der Samstag vor dem Weißen Sonntag - erinnerten sich einige Anwesende. "Ich wurde drei Jahre vorher im Schloss geboren", erzählte eine Bürgerin. Ein anderer hatte als Bub vom Elternhaus schräg gegenüber die Katastrophe und den eindrucksvollen Einsatz der Brandschützer und der zur Hilfe geeilten Amerikaner verfolgt.

Mit einer Feuerwehrübung wird am 16. April im Schlosshof der 50. Jahrestag des schrecklichen Schlossbrandes gewürdigt. Die Brandschützer wollen zeigen, wie man heute mit modernen Mitteln einen Schlossbrand löschen würde. Eine Ausstellung zum Brand von 1966 haben sie bereits in der Vitrine im Schlosskeller (hinterer Eingang) eingerichtet.

Am Mittwoch, 27. Juli, wird des Dorfbrandes vor dann genau 300 Jahren gedacht. Vom damaligen Brandherd an der Ecke Sandgasse/Mühlgasse soll eine von den Usatalmusikanten begleitete frühabendliche Prozession zur Kirche führen, historische Vereinsfahnen sind gerne mitzuführen. In der Pfarrkirche St. Remigius werden beide Ortpfarrer eine ökumenische Andacht halten. Ein historischer Vortrag wird dann im Bonifatiussaal die Geschehnisse von vor 300 Jahren unter dem Eindruck jüngst aufgetauchter historischer Dokumente beleuchten.

Dem bekannten Rockenberger Geschichtsforscher Manfred Breitmoser sei der Sensationsfund gelungen, erklärte Rupp der Versammlung. Sie sei selbst höchst gespannt auf die Resultate der Untersuchung, gestand die Archäologin und steckte die Anwesenden mit ihrer Neugier schon gehörig an. Später im Jahr, vermutlich nach dem festwochenende am 27./28. August, wird es weitere historische Vorträge geben, so wohl auch von Dieter Wolf aus Butzbach.

Texte und Bilder: Annette Hausmanns