Das Fastnachtsbild

"Lustige Schlittenfahrt" können Sie sich im Rittersaal des Schlosses (Rathaus) ansehen.

Fastnacht in Ober-Mörlen seit 1753

 

Das Exponat "Lustige Schlittenfahrt“

Die aus mündlichen Befragungen zusammengetragenen  und in den Akten gefundenen Überlieferungen zeigen den interessanten Weg eines Bildes über 260 Jahre:
Im 1937 renovierten Festsaal -jetzt Rittersaal- des Schlosses zeigt die reich mit Stuck verzierte Decke des Saales die allegorischen Gestalten der vier Jahreszeiten. In Anlehnung daran ließ der damalige Besitzer, Reichsfreiherr von Wetzel, vier Bilder malen, die die Jahreszeiten versinnbildlichen.
Nach Überlieferung wurde 1752 bei einer fröhlichen Feier zum Abschluss einer erfolgreichen Jagd beschlossen, zum Ausklang des Winters ein großes Kostümfest zu veranstalten, an welchem sich alle Ober-Mörler Einwohner beteiligen sollten. Dieses große "Kostümfest" mit Umzug 1753 wurde auf dem Gemälde "Lustige Schlittenfahrt“ als vierte Jahreszeit festgehalten.
Das Gemälde könnte eine Auftragsarbeit gewesen sein, zu dessen Ausführung Dietricy während einer seiner Studienreisen als Gast bei Familie Wetzel in Ober-Mörlen weilte.

Als die Gemeinde 1920 das Schloss erwarb, wurde das Inventar nicht übernommen, sondern bei einer Versteigerung in großen Teilen vom Antiquariat Heinrich Hahn aus Frankfurt aufgekauft, so auch die vier Bilder. Bei einem Luftangriff während des zweiten Weltkrieges wurden drei der Bilder zerstört, das Bild "Lustige Schlittenfahrt“ später aber nach Amerika verkauft. Dort war es im Besitz von Verwandten des Bad Nauheimer Zahnarztes Dr. Croetz, der es bei einem Besuch in den USA entdeckte und wieder mit nach Deutschland brachte.
1952 schenkte Dr. Croetz das Bild der Gemeindeverwaltung, so dass das Gemälde seitdem wieder an seinem angestammten Platz hängt.
Das Exponat war schon nach der Rückkehr aus den USA -es war gerollt transportiert worden- in keinem guten Zustand. Nach dem Brand im Ober-Mörler Schloss war eine Restaurierung unumgänglich.

Das Bild wurde 1972 beim Landeskonservator von Hessen, Herrn Dr. Kiesow, von Kunsthistorikern und Studenten kostenlos restauriert und ist seitdem in gutem Zustand.
Umfangreiche Untersuchungen in den letzten Wochen 2002 durch die Kunsthistorikerin Elke Hieronimus und das Historische Museum in Frankfurt bestätigen das Alter des Bildes und auch die Tatsache, dass es sich um ein Original handelt.
Da die Größe des Bildes offensichtlich im Laufe der Zeit verändert wurde, ist keine Signatur zu erkennen. Alle vorliegenden Schreiben und Überlieferungen ordnen das Bild dem Maler Dietricy zu, weshalb auch von der Echtheit des Exponates ausgegangen wird.

Bildbesprechung von Klaus Roth

Die Schlitten auf dem Bild sind allesamt Prunkschlitten, wurden also mit Sicherheit jedes Jahr geholt, unter Umständen sogar nur einmal im Jahr. Die Schlitten sind sehr stilvoll gebaute Gefährte. Die Schlittenkörper sind als Tierkörper oder auch muschelartig ausgebildet. Die Rückseiten der Schlitten sind meist mit Tierköpfen oder Fabelwesen ausgeschmückt. Die Schlittenkufen sind auf der Vorderseite nach oben zeigend zusammengeführt. Und enden mit einer aufgesetzten allegorischen Figur.

In der Mitte des Bildes ist ein Fackelträger zu erkennen, auch ein weiteres Männchen mit einer Laterne. Man kann durchaus darauf schließen, dass der Umzug in den Abendstunden stattfand. Nicht nur Pferde, sondern auch Maulesel und Kühe wurden zum Ziehen der Schlitten benutzt. Alle waren aufwendig herausgeputzt mit Glocken, Troddeln, Federn und allerlei anderem Material. Alle Tiere sind mit Schmuckgeschirr und dazu passenden Decken ausgerüstet.

Das scheuende Pferd im unteren Teil des Bildes steht in wunderbarer Komposition zu dem umgestürzten Schlitten.

Die beiden Figuren am rechten unteren Bildrand müssen besonders beachtet werden. Bei der Körperperspektive, sowie Stellung oder Lage der Personen ist das Können des Malers am Besten zu erkennen. Die auf dem Bild herausgearbeiteten Porträts geben Anlass zu Spekulationen. Sie sind so persönlich gemalt, dass es Porträts der Eheleute von Wetzel sein könnten.

Christian Wilhelm Ernst Dietrich, genannt Dietricy Maler und Radierer geboren am 30. 10. 1712 in Weimar gestorben am 20.04.1774 in Dresden.
Bereits mit 12 Jahren wurde er von seinem Vater, dem damaligen Weimarer Hofmaler Johann Georg Dietrich, in Malerei und Radierung eingeführt. Sein späterer Lehrer, der Landschaftsmaler Alex Thiele stellte ihn 1730 König August dem Starken vor, der ihn eine Probezeit ausführen ließ (angeblich "Diana und Kastillo", Dresdner Galerie). August der Starke überwies den jungen Dietrich der Führsorge seines Ministers Brühl, unter dessen Protektorat er ab 1733 arbeitete. 1734 bis 1737 unternahm er mehrere Reisen nach Holland, Braunschweig und Weimar. Im Braunschweiger Museum finden sich zwei religiöse Bilder mit der Signatur "Dietricy". Diese Benennung tauchte ab 1732 vereinzelt auf, später fast ausschließlich. 1741 kehrte er nach Dresden zurück und wird dort am 4.Mai von König August Ill. zum Hofmaler ernannt. 1743 unternahm er Studienreisen nach Venedig und Rom und kehrte 1744 nach Dresden zurück.

1748 wurde er zum Inspektor der Gemäldegalerie ernannt. Er fühlte sich mittlerweile so in Dresden verwurzelt, so dass er ehrenvolle Berufungen nach Kopenhagen ablehnte. Während des Siebenjährigen Krieges (1756‑1763) lebte er meist in Freiburg und Meißen. 1764 wurde er Professor an der Dresdener Akademie und leitete parallel dazu eine Kunstschule in Meißen. Dietrichs Oeuvre ist enorm umfangreich, ungefähre Zählungen sprechen von über 400 Gemälden und weit über 1000 Zeichnungen. Dietrichs Bilder sind europaweit verstreut.